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Million Donkey Hotel_deutsch

 

Million Donkey Hotel

73 % der Bevölkerung Europas lebt in Städten, Tendenz steigend. Diese Zahl bedeutet nicht nur stetiges Wachstum der (Zwischen-)Städte, sondern vor allem auch eine Auflösung der uns bekannten Kultur- und Naturlandschaften. In einer Komplexität, die uns möglicherweise nicht bewusst ist. Die Zukunft dieser vom Aussterben bedrohten Zonen ist auch die Zukunft Europas. Die Migration und ihre Konsequenzen ist auch das Thema von „The Million Donkey Hotel“, einem Projekt von feld72 im Rahmen des „Villaggio dell´Arte“ von „paesesaggio workgroup“. Eine Gruppe von internationalen und nationalen Künstlern wurde im August 2005 eingeladen, im Regionalpark des Matese bei Neapel durch partizipative Kunstprojekte mit der ansässigen Bevölkerung die Fragen von Identität, Territorium, Sozialraum und Landschaft zu thematisieren. Bedingung war einen Monat vor Ort zu leben und all die verwendeten Materialien aus den Dörfern vor Ort zu beziehen, um die Mikroökonomie der Gegend zu stimulieren.
Prata Sannita ist ein zweigeteiltes Dorf, bestehend aus einem mittelalterlichen „borgo“, dem sogenannten Prata Inferiore, welches sich von einem Schloss kaskadenartig entlang eines Hügel herab entwickelt, und einem neueren Teil, dem Prata Superiore, das seine Struktur vor allem dem Siegeszug des Automobils und anderen Verheißungen der Moderne verdankt. Prata Inferiore wurde im Laufe des letzten Jahrhunderts durch die von Armut hervorgerufenen Migrationsbewegungen stark in Mitleidenschaft gezogen und ist nunmehr nur noch eine von einer kleinen Minderheit von vor allem älteren Personen bewohnter Teil des Dorfes mit einer sehr großen Anzahl an leer stehenden, teilweise bereits ruinenartigen Gebäuden. Wie gelingt eine neue Verknüpfung dieser beiden so klar voneinander getrennten Bereiche des Dorfes? Wie und für wen können die Qualitäten der beinahe skulpturalen Raumlandschaft wieder erfahrbar gemacht werden? Wie kann ein „frei von…“ zu einem „frei zu…“ führen? Wie können Räume, die für Verlust stehen, zu einem selbstbewussten Teil eines neuen Prata Sannita werden?

Prata Sannita wird in seiner Gesamtheit als großes, verstreutes Hotel gesehen, welches noch Zimmer frei hat: die nunmehr verlassenen Räume. Diese werden nicht nur als Erinnerungsträger, sondern in ihrer Verwahrlosung auch als Potential für die Zukunft gesehen: „Alles scheint möglich!“ Sie werden zu Zellen eines größeren Ganzen und das gesamte Gebiet von Prata Sannita somit als einziger Aktionsraum wahrgenommen. Durch die erste Adaptierung von 3 Raumeinheiten (und einem besonderen „Badezimmer“) zum vom Alltag entrückten „Hotelzimmern“ wurde ein erster Impuls gegeben, die Räume wieder benutzbar zu machen – diesmal jedoch für den nicht von der Sorge nach einer besseren Zukunft getriebenen Nomaden: dem Reisenden. Die Zimmer wurden entfremdet und bekamen spezifische Themen und Atmosphären, die Migration und Erinnerung zum Inhalt haben. Durch den Eingriff sollten auch die Bewohner angeregt werden, in einem zweiten Schritt die übrigen verlassenen Räume als weitere Bausteine dieses hyperrealen Hotels zu verstehen und dementsprechend zu re-aktivieren. Durch das Wieder-Aufspüren all dieser vergessenen Räume und Zwischenräume wurde das alte Zentrum auch wieder für die Jugend als alltäglicher Erfahrungsraum bewusst gemacht. Gleichzeitig wurde durch die Intervention auch der öffentliche Raum von Prata Sannita erweitert, da die „Hotelzimmer“ in der touristischen Off-Zeit auch einen alltäglichen Gebrauch seitens der Bewohner erlauben. Die Räume sollen nicht nur betrachtet, sondern gleichzeitig auch benutzt werden können. Durch den beeindruckenden Einsatz der involvierten bis zu 40 Freiwilligen des Dorfes (hochgerechnete 4300 Stunden an Einsatz nur allein von deren Seite) konnte das Million Donkey Hotel trotz sehr engen Zeitrahmens (1 Monat mit Entwurf praktisch vor Ort), niedrigem Budget (10.000 € ) und nur mit dem Einsatz einfachster Mittel umgesetzt werden. Aufgrund des großen Erfolges wurde feld72 im darauf folgenden Jahr wiederum eingeladen, das Million Donkey Hotel strukturell und inhaltlich weiterzubauen. Die Arbeiten im Jahre 2006 bezogen sich vor allem auf den öffentlichen Raum (z.B. wurde ein in unmittelbarer Nähe der bisherigen Hotelzimmer liegendes Haus zum sprichwörtlichen Treppenhaus, also zu einem Amphitheater, umgebaut) als auch auf den Aufbau eines Vereines. Aus einem Eingriff vor Ort wurde somit eine strukturelle Maßnahme. Das Million Donkey Hotel wird nun von einer kleiner Gruppe dieser am Errichten beteiligten „local heroes“ selbst verwaltet und freut sich auf einen Besuch vor Ort bzw. unter www.milliondonkeyhotel.net

feld72

Anne Catherine Fleith *1975 Colmar ( FR )
Michael Obrist *1972 Bozen ( IT )
Mario Paintner *1973 Klagenfurt ( AT )
Richard Scheich *1972 Launceston ( AUS )
Peter Zoderer *1973 Bozen ( IT)

Die Arbeit von feld72 bewegt sich an der Schnittstelle von Architektur, angewandtem Urbanismus und Kunst.
Das feld der Architektur erweiternd, beschäftigt sich das Kollektiv neben den konkreten Planungen für Bauaufgaben im Rahmen der selbst initiierten Projektreihe “Urbane Strategien” seit Anbeginn der Bürogründung 2002 in Wien mit Fragestellungen des Gebrauchs und der Wahrnehmung des öffentlichen Raumes.
feld72 realisierte zahlreiche Gebäude, urbane Interventionen und Studien im internationalen Kontext.
“…es gibt keinen Bruch zwischen den theoretischen und experimentellen Projekten von feld72 und ihren Entwürfen für Gebäude: Ihr gesamtes Werk, ungeachtet der Dimensionen oder der Mittel, untersucht, wie die Welt durch die Linse der Architektur
eingebunden und wahrgenommen wird. Und eine architektonische Lektion können wir aus diesem Werk lernen, nämlich dass die Essenz der Architektur nichts Architektonisches ist.”
Kari Jormakka in “Theorie und Gestaltung im Vierten Maschinenzeitalter:Zu den experimentellen Projekten von feld72”

Zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen, u.a. : La Biennale di Venezia 2011 / 2010 / 2008 / 2004 (IT), Biennale von Hongkong/Shenzhen 2009 (CN), Biennial of the Canaries 2009 (ES), Trienniale der Zeitgenössischen Kunst in Guangzhou 2008 (CN), Architekturbiennale Sao Paulo 2007 (BR), Architekturbiennale Rotterdam 2003 (NL).
Zahlreiche Auszeichnungen: Staatspreis für Experimentelle Tendenzen in der Architektur 2002 (AT) , Karl Hofer Kunstpreis der Universität der Künste Berlin 2003 (DE), Preis für Kunst im Öffentlichen Raum der Grünen 2004 (AT), The Chicago Athenaeum International Architecture Award 2007 (USA), Förderpreis für Architektur der Stadt Wien 2008 (AT), contractworld award 2010 (DE).
2010 wurde feld72 von der internationalen Jury des Chernikhov-Awards in die Top 10 der innovativsten Architekten weltweit unter 44 Jahren gewählt.
Zahlreiche Vorträge und Lehraufträge an Universitäten und Kulturinstitutionen quer durch Europa.

www.feld72.at

(Quelle: www.feld72.at)